Der Honda S2000 Testfahrer berichtet


Gleich hinter Ramelsloh beginnt die Freiheit. Ein weißes Schild am Rand der Autobahn, darauf die Ziffern 120, von feinen schwarzen Linien durchgestrichen. Die Botschaft lautet: Du darfst! Ich sitze im Cockpit des Honda S 2000, eng eingezwängt in wohlgeformtes Leder - wie in einem gut angepassten, teuren Schuh.

Das Stoffdach ist tief auf die niedrige Frontscheibe heruntergezogen. Wie eine Baseballmütze. Schuhe, Mütze: Der Kontakt zu diesem Auto ist hautnah; das Erlebnis, das er vermittelt, ist eine Art erweiteter Körpererfahrung. In meiner rechten Hand: der polierte Knauf des Schalthebels, der mich mit einem beeindruckend präzisen Getriebe verbindet. In meinem Blickfeld : das Lederlenkrad, die großen Digitalziffern des Tachos und vor der langen Motorhaube das dreispurige ausgebaute, helle Band der Piste von Hamburg Richtung Süden.

Was schert mich der blaue Himmel? Jetzt zählt allein, dass die Sonne nicht blendet. Denn es geht um Performance. Power, Geschwindigkeit. Es geht darum, 240 PS zu spüren, den Ton von 8300 Umdrehungen pro Minute zu vernehmen. Vom vierten in den fünften in den sechsten Gang - das ist eine Frage von Sekunden. Bei Tempo 200 brüllt der Motor, die Reifen donnern über den Asphalt, der Fahrtwind greift krachend in das Stoffdach. Der ganze Wagen vibriert vor Erregung und Tempo. Es ist ohrenbetäubend. Und es ist noch längst nicht alles. Bis 240 purzeln die Digitalziffern vor meinen Augen nach oben. 240 ist Wahnsinn. Ich schieße durch einen Tunnel, aus Grün und Grau, mein nächster Orientierungspunkt ist der Horizont.

Bitte, bitte, lieber Opelfahrer, bleib noch ein Sekündchen hinter dem Sattelschlepper. Und bitte, komm nicht auf meine Spur. Die A7 Richtung Hannover ist nicht Hockenheim. Hier fahren Lastwagen (was immer man davon halten mag), dänische Wohnwagen-Gespanne und Studenten im Fiat cinquecento. Im Ausrollen überholt mich der große, geräumige Kombi, der mir schon seit der Innenstadt folgt. Der Fahrer macht einen sehr entspannten Eindruck. Wahrscheinlich hört er auch noch Musik.

Der Honda ist Sport, und Sport ist Kargheit und Verzicht- manchmal notwendiger, manchmal nur symbolischer. Wer die extrem kurz ausgelegten Gänge hochschaltet, um mit sattem Röhren in 6,2 Sekunden von null auf 100 zu beschleunigen, der genießt auch ein Fahrwerk, das jede Falte im Straßenbelag registriert. Und wer geduckt über die Piste huschen will, der nimmt es in Kauf, sich in der Stadt vor jeder hochhängenden Ampel den Hals zu verrenken. Genau in so einem Moment blickt einer von der Nachbarspur herüber. Souverän. Ein feines Lächeln um die Mundwinkel. Und ich fühle mich unter meinem Baseballmützen-Stoffdach regelrecht ertappt- wie einer, der sich jenseits der 40 noch mit Cowboystiefeln erwischen lässt.

Was habe ich eigentlich an dem roten Starter- Knopf gefunden? Was an den Gummi- Noppen auf den blank polierten Pedalen? Wie in einem reinrassigen Formel-1 Boliden wirkt das alles- nur: Ich bin nun mal nicht Michael Schumacher. Warum faltet sich das Dach zwar auf Knopfdruck automatisch für eine gemütliche Landpartie zusammen, muss dann aber noch von Hand mit einer schäbigen Plastikhaube festgestopft werden? Warum verrenke ich mir den Nacken, um ans Handschuhfach zwischen den Rücklehnen zu gelangen? Und warum ist, sobald zwei Personen im Auto sitzen, selbst für ein Täschchen nur noch im (nebenbei: winzigen) Kofferraum Platz? Ganz einfach: Weil echte Roadster- Typen nun mal ganz harte Kerle sind.

Quellennachweis: HÖRZU, Martin Tschechne